Schätze des Mainzer Barock

Bozzetti
Inv. Nr. 0/1418

Die Sammlung von Tonmodellen trug der Mainzer Bildhauer Johann S. Pfaff (1747-1794) zusammen: 70 Figürchen von insgesamt neun Künstlern, geschaffen von Pfaff selbst wie auch von Lehrern und Kollegen, die zwischen Bamberg und Bruchsal tätig waren. Bozzetti werden aus Ton, Stuck, Holz oder Wachs geformt und sind erste kleinformatige Entwürfe zu später plastisch groß ausgeführten Arbeiten. Die Umsetzung seiner "Skizzen" ins Monumentale überließ der Meister häufig seinen Gesellen. Die Motive der Pfaffschen Sammlung galten dem religiösen oder mythologischen Bereich, Porträts sind selten. Die 20-40 cm hohen Entwürfe wurden fast niemals signiert.
Giovanni Domenico Tiepolo (1727-1804), Orientalisches Zeltlager
Inv. Nr. 226
Um 1752, Öl/Leinwand

Das Bild entstand, als Domenico sich mit Vater und Bruder zwischen 1750 und 1753 in Würzburg aufhielt, um dort bei den Deckenfresken in der Residenz mitzuarbeiten. Das Pferd und einige Figuren haben Zeichnungen seines Vaters zur Vorlage. Die Eleganz in Farbe und flüssigem Malstil, die realistische Schilderung des Lagerlebens und eine Vorliebe für Exotik sind jedoch ganz seine eigenen Zutaten. Das vornehme Paar in Rückenansicht unter dem Schirm weist auf die Distanz zwischen Adel und niederem Volk und ist ein Zitat nach J. Callot. Es findet sich in Domenicos Werk noch mehrmals, ebenso wie der Korb im Vordergrund, auf den er seine Signatur gesetzt hat.
Philippe de Champaigne (1602-1674), Landschaft mit heiliger Pelagia
Inv. Nr. 396
Um 1656, Öl/Leinwand

Die Heilige war einst Tänzerin in Antiochien. 453 wurde sie bekehrt und führte seither ein Büßerleben als Mönch Pelagius am Ölberg bei Jerusalem. Bei ihrem Tod 457 entdeckte man, dass der verehrte Einsiedler eine Frau war. Die Mutter Ludwigs XIV. hatte sich in der Abtei Val-de-Grâce ein Palais erbauen lassen. Den Gartensaal ließ sie mit fünf Szenen aus dem Leben heiliger Büßerinnen ausstatten. Champaigne schuf die großformatigen Bilder von 1644 bis 1656. Nach 1789 wurden die Gemälde entfernt. Später verteilte man sie an verschiedene Museen. Mainz bekam dieses Meisterwerk Champaignes 1803 mit anderen Gemälden als "französische Schenkung".
Jean Marc Nattier (1685 – 1766), Bildnis der Marie-Victoire-Hortense de La Tour d'Auvergne, Duchesse de la Trémoille
Inv. Nr. 509
1741, Öl/Leinwand

Die Dame blättert in der Partitur der Oper "Armide" von Jean-Baptiste Lully. Sie hat die Arie der Armide aus der ersten Szene des ersten Aktes aufgeschlagen. Die Arie verweist auf die über Leben und Tod bestimmende Liebe und auf den Sieg der Gefühle über die Vernunft. Möglicherweise enthält diese Deutung einen Hinweis auf den mit 33 Jahren früh verstorbenen Gemahl der Dargestellten, der zum Entstehungszeitpunkt des Bildes nicht mehr lebte. Nattier war ein gesuchter Maler und Porträtist des französischen Hochadels am Hof Ludwigs XV. Das Gemälde wurde nach der Revolution von 1789 beschlagnahmt und kam 1803 mit weiteren Bildern als Staatsgeschenk nach Mainz.
Johann Peter Melchior (1747-1822), Der chinesische Kaiser
Inv. Nr. 74/75
1765-1766, Höchster Porzellan, farbig staffiert, Goldstaffage

Der chinesische Kaiser bildet das Mittelstück einer festlich gedeckten Desserttafel, zu der weitere Figurengruppen und Einzelfiguren gehören. Die Figurengruppe ist die früheste bekannte Arbeit des Bildhauers Johann Peter Melchior für die Höchster Porzellanmanufaktur. Er schuf sie als 18-jähriger Modelleur, kurz nach seiner Einstellung in Höchst. Seine Entwürfe für Figuren und Geschirre haben maßgeblich zum Erfolg der Höchster Porzellanmanufaktur beigetragen und wurden vielerorts von anderen Manufakturen kopiert. Die Chinamode war im 18. Jahrhundert weit verbreitet und geht auf die verklärte Vorstellung zurück, China sei das Land der Weisheit und des irdischen Glücks. Doch die Figurengruppe hat einen zusätzlichen, spannenden Bedeutungsinhalt. Sie ist die Darstellung des „guten Herrschers“, was sich leicht ablesen lässt. Unter einem Baldachin sitzt der Regent auf einem Thron. Die ihm zugewandten Höflinge nähern sich demütig und sind auf den Kaiser hin ausgerichtet, der ihre Bitten und Anliegen entgegennimmt. Dieser Herrscher ist sogar als Förderer der Kultur und der Künste dargestellt, denn vor seinem Thron liegt eine modellierte Büste zusammen mit einem Schlegel. Dieses Detail ist besonders bemerkenswert, denn es lässt sich noch in anderer Weise verstehen. Es ist auch eine Huldigung Melchiors an seinen Landesherrn, den Mainzer Kurfürsten Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim, dem er auf diese Weise seine Kunst zu Füßen legt.
Messbesteck- und Reißzeugkoffer des Architekten Maximilian von Welsch
Inv. Nr. 74/99
Vor 1714, Holztruhe mit drei herausnehmbaren Böden

Der Koffer enthält Zeichengeräte und Landvermessungsgeräte des Mainzer Architekten Maximilian Welsch (1671-1745). Welsch wird 1704 von dem Mainzer Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn mit der Fertigstellung der Festung Mainz beauftragt und ist für weitere Schlossneu- und Ausbauten verantwortlich (u.a. Lustschloss Favorite und Schloss Biberach). Die umfangreiche und kostbare Ausstattung entspricht der hohen Stellung des Architekten. Einige der Messinggeräte tragen die eingravierte Signatur „MW“ oder „MWelsch“. Da Welsch 1714 in Wien in den Adelsstand erhoben wurde und in den Signaturen das „v“ (von) fehlt, werden die Stücke vor 1714 entstanden sein.
Peter Schuß (um 1730 - 1773), Schreibschrank (sog. "Cantourgen")
Inv. Nr. 90/16
Mainz, 1762-63

Das Möbel ist im wörtlichen Sinn ein Meisterstück: 1762 reichte der Schreinergeselle Peter Schuß der Mainzer Schreinerzunft die Beschreibung für sein Meisterstück ein, die erhalten ist. Aufgrund der nachprüfbaren Übereinstimmungen kann dieses Möbel als das Meisterstück des Peter Schuß identifiziert werden. In Mainz hießen Schreibschränke „Cantourgen“. Das ist eine dem Mainzer Dialekt entspringende Benennung. Der Hauptteil des Wortes „Cantour“ steht für Kontor oder Comptoir. Die Endung „-gen“ ist eine Verkleinerungsform, entsprechend dem hochdeutschen „chen“. Sinngemäß übersetzt heißt das Wort also „kleines Büro“.
Mops
Inv. Nr. M.O. 1
Um 1750, Höchster Fayence

Der Mops ist im 18. Jahrhundert der Hund der Saison. Er erobert Burgen, Schlösser, die Herzen von Fürsten und schönen Mädchen. Nachdem der Papst 1740 die Freimaurer exkommunizierte, gründete der Herzog von Bayern den Mops-Orden, zu dem auch Frauen Zugang hatten. Er wird Modehund des 18. Jahrhunderts, erhält sogar goldene verzierte Halsbänder und wird in Gemälden und Figuren portraitiert. Außerdem ist der Mops eine Lebenseinstellung. »Möpse sind mit Hunden nicht zu vergleichen«, wusste schon Loriot, »sie vereinigen die Vorzüge von Kindern, Katzen, Fröschen und Mäusen. Möpse können, wie Menschen, im Alter figürlich etwas nachlassen, jedoch an Ausdruck gewinnen.«
Claude Gellée, gen. Lorrain (1600-1682), Landschaft mit Titusbogen
Inv. Nr. MP 1997
1644, Öl/Leinwand

Den lothringischen Pastetenbäcker-Lehrling und Waisen verschlug es bereits als Dreizehnjährigen nach Rom. Dort sattelte er um auf Malerei. Nach einer kurzen Rückkehr in die Heimat 1625 ließ er sich für immer in Rom nieder. Könige und Päpste begehrten seine berühmten Bilder. Ab 1635 zeichnete er sie auf, um sich vor Fälschungen zu schützen. Gern malte er im Forum Romanum. In seinen Landschaften stellte er den Verfall antiker Weltreiche, symbolisiert durch Monumente, der Ewigkeit der Natur gegenüber. Licht, Schatten und Dunstschleier umhüllen biblische und mythologische Szenen und vermischen die reale Naturbeobachtung mit der Welt der Poesie.