Schätze der Kunst um 1900

Max Slevogt (1868 – 193), Tilla Durieux als Weib des Potiphar in der „Josefslegende" von Richard Strauss
Inv. Nr. 83/16
1921, Öl/Leinwand

Tilla Durieux (Wien 1880 – 1971 Berlin) war seit 1903 in Max Reinhardts Theatertruppe in Berlin. Sie spielte alle großen Rollen von Shakespeare bis zu Ibsen, Wedekind, Shaw und Ionesco. Verheiratet war sie in zweiter Ehe mit dem Kunsthändler Paul Cassirer, der sich 1926 ihretwegen erschoss. Slevogt malte das Bild wohl zu dessen 50. Geburtstag, an dem die Durieux gleichwohl auf der Bühne stand. In der nächtlichen Szene leuchtet ihr Gewand im Schein der Kerze in ihrer Hand irisierend auf, betont ihre schleichenden Bewegungen. Slevogt verstand es, in knappen Pinselzügen und raffiniert gewählter Farbe eine komplexe Situation zu charakterisieren.
Wilhelm Trübner (1851 – 1917), Am Starnberger See
Inv. Nr. 1448
1908, Öl/Leinwand

Eine bunte Blumenrabatte, eine sonnige Bank und eine weite Sicht über den Starnberger See: Trübner malte das Bild während eines Sommeraufenthaltes in der Villa Knorr in Niederpöcking. Ihr Besitzer Angelo Knorr hatte dort eine Villenkolonie am Westufer des Sees begründet. Seine Witwe Betty ließ 1900 einen englischen Park um ihr Landhaus anlegen. Von dessen Terrassen aus schuf Trübner zwischen 1907 und 1910 zahlreiche Gemälde, alle menschenleer. In den Wintermonaten variierte er dann geschäftstüchtig im Atelier seine Sommer-Motive mit flottem Strich und hellen, satten Farben für seine Frankfurter Galerie, mit der er einen Exklusiv-Vertrag hatte.
Friedrich Ferdinand Koch (1863 – 1923), Bei der Wäsche
Inv. Nr. 72/3
Um 1910, Öl/Leinwand

Vor einem von Licht durchfluteten Garten einer Villengegend sieht man zwei Dienstmädchen an einem Bottich stehen und waschen. Viel Weißes hängt bereits auf den Leinen oder ist zum Bleichen auf dem Gras ausgebreitet, ein großer Berg Tücher und Laken im Vordergrund wartet noch darauf gewaschen zu werden. Das Bildmotiv ist von Max Liebermann beeinflusst. Koch hatte in München studiert, lebte aber 16 Jahre in Belgien und gehörte dort zur Avantgarde. Er verstand es, die politische Brisanz des Themas „Ausbeutung von Frauen" mit impressionistischen Stilmitteln malerisch darzustellen, ohne eine Idylle zu zeichnen und dadurch die sozialkritische Schärfe zu nehmen.
Max Slevogt (1868-1932), Libysche Wüste
Inv. Nr. 85/2
1914, Öl/Leinwand

1914 machte Slevogt von Februar bis März eine Ägyptenreise. Er malte dort 21 Bilder, die er fast alle an die Dresdener Gemäldegalerie verkaufte. Ihn faszinierte das Alltagsleben der Bevölkerung: Kaffeehäuser, Bazare, Imame in Moscheen, die Wasserlandschaft des Nils, die Oasen und die Wüste. In unserem Bild wird fast die gesamte Fläche ausgefüllt durch die Sanddünen der Wüste, deren verschiedene Wellen in farblicher Abstufung den Bildraum nach hinten bis zum Horizont weiten. Die Tonwerte der Farbe sind auf helles Blau, Ocker, Krapplack und Schwarz beschränkt. So ist Slevogts Wüstenbild zu einer der kühnsten Kompositionen in seinem Gesamtwerk geworden.
Max Klinger (1857 – 1920), Kassandra
Inv. Nr. 88/3
1903, Bronze, schwarz patiniert

In Rom schuf Klinger 1895 eine „Kassandra" in Marmor. Die Bronzebüste, die 1903 in Berlin gegossen wurde, erinnert mehr an antike Köpfe als die farbige Marmor-Fassung. Kassandra verweigerte sich dem Gott Apollo und dieser strafte sie mit physischer Blindheit, aber seherischen Fähigkeiten, die ihr niemand glauben würde. Sie ist in angespannter Konzentration auf ihre inneren Visionen dargestellt. Klinger gab ihrem Gesichtsausdruck nicht die heitere Unnahbarkeit vieler antiker Bildwerke. Da die Menschen Kassandras Warnungen kein Gehör schenkten, durchdringt das bittere Wissen um die Vergeblichkeit ihres Bemühens, Schaden abzuwenden, ihre Züge.
Leo Putz (1869 – 1940), Kahnfahrt
Inv. Nr. 767
1909, Öl/Leinwand

Der Künstler hat seine Frau Frieda beim Rudern dargestellt. Man sieht sie vom Bug des Nachens her. Sie wendet sich leicht um, so dass nicht nur der Rücken, sondern auch eine Seite ihres Körpers zu sehen ist. Ihre hochmodische weiße Kleidung und der riesige Hut, der ihr junges Gesicht vorteilhaft rahmt, stehen in Gegensatz zu ihrer sportlichen Betätigung und lassen an einen Sonntagsausflug denken. Die Wasserfläche spiegelt die Bäume am Ufer, sie zittert ein wenig unter den Ruderschlägen. Mit breiten Strichen in Braun- und Grüntönen gemalt, liegt die Stimmung eines lichten Herbsttages über dem Bild, wie sie die Dichtung des Jugendstils oft beschreibt.
Carlo Bugatti (1856-1940), Damenschreibtisch mit Stuhl in „maurischem“ Stil
Inv. Nr. 84/137 a,b
1888-1890

Der Name der Familie Bugatti ist berühmt und prägt die Jahrzehnte vor und nach 1900. Carlo Bugatti ist erfindungsreicher Schöpfer phantastisch-ornamentaler Möbel, die zwischen Historismus, Orientalismus und Jugendstil stehen. Seine Möbel treffen den Nerv der Zeit, finden hohe Anerkennung und werden mit Auszeichnungen prämiert. Großen Erfolg hatte er u.a. 1902 auf der Ersten Internationalen Ausstellung für die moderne dekorative Kunst in Turin. Ettore Bugatti ist der bekannteste der Söhne Bugattis. Er entwarf und baute von 1900 bis 1946 die bekannten Rennwagen und Luxuskarossen.
Michael Thonet (1796-1871), Sessel Nr. 2
Inv. Nr. 86/33
1880-1895, Buchenholz, massiv gebogen, gebeizt

Der Schreinermeister Michael Thonet in Boppard/Koblenz beginnt schon während der Biedermeierzeit mit Versuchen, Holz zu biegen. Nach Wien berufen baut er dort ab 1842 eine internationale Möbelgroßproduktion auf. Auf der Weltausstellung 1851 in London werden, wie überhaupt im 19. Jahrhundert, Technik und Industrialisierung positiv bewertet. Thonets Auftritt seiner neu entstehenden Möbelindustrie lässt ihn zu einem typischen und erfolgreichen Vertreter dieser Aufbruchszeit werden. Schnell wurden seine Möbel zum Inbegriff für leichte, praktische Möbel aus gebogenem Buchenholz. Zeitgleich wird der Name Thonet zum Inbegriff des Wiener Kaffeehausmöbels.
Auguste Rodin (1840-1917), Porträtbüste Honoré de Balzac
Inv. Nr. 50/44
1891, Bronze auf Marmorsockel

Rodin erhielt den Auftrag für ein Balzacdenkmal durch die Vermittlung des Schriftstellers Emile Zola, den Anstoß hatte Alexandre Dumas gegeben. Die französische Schriftstellervereinigung sammelte das Geld dafür. Rodin bereitete sich akribisch auf dieses Werk vor. Er las alle 91 Romane von Balzac (1799–1850) und machte viele Studien nach Männern, die ihm ähnlich sahen; er besorgte sich sogar die Körpermaße Balzacs von dessen Schneider. Unter den zahllosen Modellen, sowohl des Kopfes in Ton, Gips und Bronze als auch des Körpers und des Gewandes des Dichters ist die kleine Bronze nur eine von vielen Varianten.