Schätze der Kunst der Moderne

Wilhelm Lehmbruck (1881-1919), Große Kniende
Inv. Nr. 79/332
1911, Bronze

Als Lehmbruck diese Plastik 1911 als Steinguss im Pariser Salon ausstellte, schrieb der berühmte Kunstkritiker Meier-Graefe, sie sei „wie eine Oase in der Wüstenei der Jahresschau.“ Kennzeichnend für die Figur ist der schlanke Körperbau, gepaart mit einer Überlänge der Gliedmaßen, die an manieristische Proportionen erinnern. Der zarte, sensibel modulierte Körper entspricht nicht dem bisher geltenden Ideal der Aktdarstellung. In stiller Melancholie scheint die „Große Kniende“ in sich selbst versunken und nimmt keinen Kontakt zur Außenwelt auf. Der Künstler hat das Thema in mehreren Fassungen in Bronze und Steinguss bearbeitet.
Lovis Corinth (1885-1925), Die Blendung Simsons,
Inv. Nr. 892
1907, Öl/Leinwand

Das Thema des Gemäldes geht auf die Bibel zurück: Der mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Simson wurde durch Verrat seiner Geliebten Delila seiner Stärke beraubt und von den Philistern überwältigt. Der am Boden liegende Simson wirft einen letzten Blick in Richtung Betrachter, bevor er von seinen Feinden geblendet wird. Der Künstler bezieht durch die Blickrichtung den Betrachter in das brutale Geschehen ein. In der Ausführung steht Corinth in der Tradition des gleichnamigen, 1636 entstandenen Gemäldes von Rembrandt im Frankfurter Städel. Corinths Simson gelangte als Schenkung des Industriellen A. Ganz aus Luzern 1920 an seine Vaterstadt Mainz in die Gemäldegalerie.
Antoni Tàpies (geb. 1923), Relieve Rosa y Gris
Inv. Nr. 78/191
1973, Mischtechnik auf Lwd./Holz
© VG Bild-Kunst

Ursprünglich beeinflusst von den Werken Mirós und Picassos, war für Tàpies auch der Surrealismus prägend. Er wandte sich der abstrakten Malerei zu. Ab 1953 schuf er „Materialbilder“, d. h. Material oder Gegenstände werden direkt im Bild verarbeitet. Ein Auftrag aus Sand, Marmorstaub, Farbe und Leim lässt eine dicke Schicht entstehen, die durch Abkratzen an abblätterndes, altes Mauerwerk erinnert. Die Zerstörungsspuren sind ein Ausdruck gegen Gewalt. In vielen Bildern erscheint das Kreuz als eines der einfachsten Zeichen, als Symbol der ethischen Grundwerte aller Völker. Tàpies sagt: “Malerei ist eine Art, über das Leben nachzudenken.“.
Pablo Picasso (1881-1973), Frauenkopf
Inv. Nr. 1640
1908, Gouache auf Papier
© VG Bild-Kunst

Das Bild entstand in Picassos Phase des „analytischen Kubismus“, dessen Formensprache er mit George Braque entwickelt hatte und bei dem es um die Zerlegung der Gesamtform ging. Ausgangspunkt dieser Phase sind die berühmten „Demoiselles d’Avignon“. Bei dem vorliegenden Frauenkopf handelt es sich nicht um ein bestimmtes Porträt, sondern Picasso orientierte sich an afrikanischen Holzmasken. Geometrische Flächen und auf skulpturale Wirkung angelegte Partien sind in diesem Bild vereint. Das Werk wurde 1952 von General Raymond Schmittlein, dem Generaldirektor für kulturelle Angelegenheiten in der französischen Besatzungszone, der Stadt Mainz geschenkt.
Max Beckmann (1884-1950), Vor dem Kostümfest
Inv. Nr. 78/100
1945, Öl/Leinwand
© VG Bild-Kunst

Beckmann nannte das Werk in seinen eigenen Bilderlisten ursprünglich „3 Holland Meisjes“ und gab ihm erst später den jetzigen Titel. Häufig ließ der Künstler Bilder tagelang unvollendet, überarbeitete sie und nahm Titeländerungen vor. Die Motive Kostümfest, Karneval und Masken verwendete er mehrfach, ohne jedoch auf ein konkretes Fest Bezug zu nehmen. Die Kostümierung ist für ihn eine Metapher für das Welttheater. Ebenso wird das traditionelle Thema der „Drei Grazien“ aufgenommen, doch herrscht hier eine pessimistische Stimmung. Darauf weisen die Gesichtszüge der Frauen und der schwarze Spiegel hin. Der Expressionist Beckmann nahm in seinem Werk Bezug auf die politischen Umstände seiner Zeit.
Sigmar Polke (geb. 1941), Ohne Titel
Inv. Nr. MP 1994/1
1987, Mischtechnik/Kunstseide
©VG Bild-Kunst

Der Künstler studierte Malerei an der Düsseldorfer Akademie. Anfangs stand seine Arbeit unter dem Einfluss der amerikanischen Pop-Art. 1963 begründete er mit anderen Künstlern die Malerei des „Kapitalistischen Realismus“. In den 80er Jahren experimentierte er mit neuen Malmitteln, verwendete Lacke und Kunstharze auf Kleiderstoffen. Seine Arbeiten sind als ironische Gesellschaftskritik zu verstehen. Fragen zur Deutung bleiben häufig offen, so auch hier: Auf grünem Untergrund erscheinen zwei Wesen, deren Leiber in Schnörkeln enden. Eines hat die Hand erhoben, das Andere bückt sich nach einer runden Form. Zwischen den Köpfen ist ein drittes Gesicht zu sehen. Sind es Geister?
Fritz Winter (1905-1976), Das Gerüst
Inv. Nr. 85/3
1933, Öl auf Papier/Leinwand
© VG Bild-Kunst

Fritz Winter gehört zu den wichtigsten abstrakten Künstlern Deutschlands. Er studierte am Bauhaus in Dessau, distanzierte sich aber dann von den Ideen des Bauhauses. Im Dritten Reich erhielt er Ausstellungsverbot, seine Werke galten als „entartete Kunst“. Er war Gründungsmitglied der Künstlergruppe Zen 49, die sich in der Tradition des Blauen Reiters stehend verstand. Der Name galt als Symbol einer nach innen gerichteten Kunst, in der der Zen-Buddhismus eine wichtige Rolle spielte. In seiner Darstellungsweise ließ sich Winter von ostasiatischer Kalligraphie beeinflussen. In den Gemälden verarbeitete er seine Kriegserlebnisse.
Arnulf Rainer (geb. 1929), Übermaltes Kreuz mit Christuskopf
Inv. Nr. MP 1995/4
1985/87, Mischtechnik auf Holz

Zwei einfache Holzbretter sind zu einem Kreuz zusammengefügt. Das Bild des gekreuzigten Christus ist übermalt, die Farben lassen an Blut denken. Die Farbe wurde zum Teil mit den Händen aufgetragen. Das Übermalen eigener und fremder Kunstwerke wurde eines der typischen Merkmale des Künstlers. Er setzte sich mit den Themen Opfer und Tod auseinander und sah sich als Künstler in der Rolle des Opfers. Seiner Auffassung nach ist die Botschaft des Gekreuzigten, dass „Siege sich nur aus und in den Niederlagen ergeben.“ Die Bearbeitung von Kunst soll einem Werk neues Leben geben und ist für Rainer eine Metapher für die Auferstehung.
Mark Rothko (1903-1970), Orange und Rosa auf Rot
Inv. Nr. GE 80/14
1953, Öl auf Papier auf Hartfaserplatte
© VG Bild-Kunst

Der in Russland geborene und nach Amerika ausgewanderte Maler ist vor allem durch seine großformatigen Bilder mit leuchtenden Farbfeldern bekannt. Die einzelnen Farbflächen besitzen meist keine klaren Begrenzungen, so dass die Farben ineinander verschwimmen. Diese Malweise ergibt zusammen mit einem dünnen Farbauftrag den Eindruck eines von innen heraus leuchtenden Lichtes. Der Künstler wehrte sich gegen den Vorwurf dekorativen Gestaltens, sein Anliegen war der Ausdruck grundlegender menschlicher Gefühle.