Blick in die Seilergasse, um 1930, Foto: Ernst Neeb
Blick in die Seilergasse, um 1930, Foto: Ernst Neeb
Dieselbe Situation heute, Foto: Georg Peter Karn
Dieselbe Situation heute, Foto: Georg Peter Karn

Handwerk und Handel – Heumarkt und Seilergasse

Bis heute verraten die Namen der Gassen in dem früher engbebauten Viertel nahe dem Rhein und dem mittelalterlichen Kaufhaus am Brand, welche Handwerke dort angesiedelt waren. Der charakteristische, zueinander parallele Gassenverlauf folgte der Stadtmauer und reagierte zugleich auf deren mehrfache Verschiebung zum Fluss hin. Einen besonders malerischen Anblick bot die schmale Seilergasse, die wegen der vielen erhaltenen, aus Renaissance und Barock stammenden Ladenbögen ein beliebtes Motiv für Künstler und Fotografen war. Bis ins 17. Jahrhundert war sie als Küfergasse überliefert und übernahm dann ihren Namen von den hier mittlerweile betriebenen Seilereien. Die tagsüber offenen Lauben dienten als Warenauslage und wurden nachts durch hölzerne Läden verschlossen.

An der Ecke gegenüber der Liebfrauenkirche errichtete sich 1653-1656 der reiche Kaufmann und kurfürstliche Rentmeister Edmund Rokoch das Haus zum Spiegel mit seinem prächtigen, von Holzgalerien umgebenen Hof und zwei Giebelfassaden zur Seilergasse sowie zum Heumarkt (heute Liebfrauenplatz). Zwischen 1657 und 1664 erweiterte er die Anlage auf der Platzseite um das Haus zum Marienberg; dabei ergänzte er die bestehende Giebelfront zu einer symmetrischen Palastfassade von herrschaftlicher Wirkung, indem er rechts einen zweiten Giebelrisalit und den Mittelbau mit Torfahrt und Erkertürmchen hinzufügte. Die später gebräuchlichen, noch heute bekannten Hausnamen „Zum Römischen Kaiser“ und „Zum König von England“ erinnern an die Nutzung der beiden Anwesen als Gasthöfe während des 18. Jahrhunderts.

Von dem verwinkelten Gassen- und Hof-Ensemble, das in ungewöhnlicher Dichte Mainzer Handels- und Handwerksgeschichte widerspiegelte, blieb nach dem Zweiten Weltkrieg nur das Haus zum Römischen Kaiser erhalten. Der Neubau des Gutenberg-Museums (1962 nach Entwürfen von Rainer Schell) spielt in modernen Formen und unter Verwendung von erhaltenen Renaissance-Bauteilen auf die Hofsituation des „Englischen Königs“ an. Durch den westlichen Erweiterungsbau des Museums wurde im Jahre 2000 die ehem. Seilergasse als Passage neu interpretiert. Die aktuellen Erweiterungspläne für das Museum sehen – auf der Grundlage des 2016 entschiedenen Architekturwettbewerbs - mit dem hohen, nachts erleuchteten Bücherturm und der Auflösung des Hofes eingreifende Veränderungen vor.