Wilhelm Ohaus, Die Stadtmauer an der Rheinstraße, 1869/70
Wilhelm Ohaus, Die Stadtmauer an der Rheinstraße, 1869/70
Hintere Bleiche um 1870
Hintere Bleiche um 1870
Während Abrissarbeiten um 1900
Während Abrissarbeiten um 1900

Schutz und Freiheit - Die Stadtmauer

Zu den kennzeichnenden Elementen von Mainz im Mittelalter gehörte die Stadtmauer, die den Bewohnern nicht nur Schutz gegen äußere Feinde gewährte, sondern bis in das späte Mittelalter die Stadt mit ihren Freiheiten auch als Rechtsbezirk abgrenzte.

Die historischen Stadtansichten lassen den Aufwand und den gestalterischen Anspruch erkennen, die man der Mauer mit ihren Toren und Türmen widmete. Die Befestigung übernahm weitgehend den Verlauf der römischen, im 3. Jahrhundert errichteten Mauer und schloss damit große, noch unbebaute Flächen mit ein. Bereits Erzbischof Hatto I. dehnte um 900 die Umfassung zum Rhein hin weiter aus. Nach einem Aufstand der Bürgerschaft verfügte Kaiser Friedrich Barbarossa 1163 die Schleifung der Mauer, die zumindest in Teilen ausgeführt wurde. Beim Wiederaufbau im 13. Jahrhundert versetzte man den Mauerzug erneut rheinwärts und bezog die Vorstadt Selenhofen ein; gleichzeitig wurden die landseitigen Abschnitte von fünf auf acht Meter erhöht. Weitere Verstärkungen und der repräsentative Ausbau der Türme folgten im späten 14. und im 15. Jahrhundert. Zahlreiche Spolien aus römischer Zeit, aber auch die Grabsteine des 1438 gewaltsam aufgelösten jüdischen Friedhofs wurden darin verbaut (1926 am Judensand wiederaufgestellt). Die Instandhaltung war durch die Mauerbauordnung geregelt und wurde zum Teil durch ein „Ungeld“ als Steuer auf den Warenverkehr finanziert; für einige Abschnitte waren die umliegenden Dörfer verantwortlich, deren Anteile sie an den Zinnen mit Inschriften festhielten.

Mit den weitreichenden Schusswaffen der frühen Neuzeit schwand die Schutzwirkung der Stadtmauer, die durch die bastionäre Befestigung des 17. Jahrhunderts ersetzt und in den verbliebenen Abschnitten zunehmend durch Häuser verbaut wurde. Nach den Abbrüchen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts haben sich neben dem Eisernen, dem Holz- und dem Alexanderturm wenige, zum Teil noch eingebaute Mauerzüge auf dem Kästrich, an der Hinteren Bleiche und an der Scharngasse erhalten. Der längste freiliegende Mauerabschnitt zwischen Rheinstraße und Schlossergasse nahe dem Holzturm soll nun, nach langer Vernachlässigung, als ein besonders anschauliches Zeugnis der mittelalterlichen Stadtumwehrung hergerichtet werden.